Länder,  Neuseeland

Reset

Endlich! Endlich bin ich an einem Ort angekommen, an dem ich wirklich mal ganz von meinem Reisealltag abschalten kann. (Naja fast, aber dazu gleich mehr.)

„Manachmal sollte man weder mit noch gegen den Strom schwimmen, sondern einfach mal ais dem Fluss klettern, sich ans Ufer setzen und eine Pause machen.“

Ziemlich gemischte Gefühle habe ich in den letzten zwei Wochen seit meiner Ankunft hier erlebt. Zunächst mal muss ich sagen, dass die Familie mit ihrem Lebensstil einfach zu gut zu mir passt. Hier steht Nachhaltigkeit ganz oben und auch sonst bekommt mein grünes Öko-Bio-Herz hier alles was es so vermisst hat. Nach der schier endlosen Zeit mit Nudeln (ich mag sie noch nicht mal) und Pesto bin ich froh, dass mein Gaumen wieder leckeres vielfältiges und dazu noch gesundes Essen bekommt. Und auch sonst sind sie gerne draußen mit Hund und Kindern und machen Ausflüge und Spaziergänge. Natürlich bin ich immer herzlich eingeladen sie zu begleiten. Ich habe mein eigenes Zimmer und mein eigenes Badezimmer und wenn die Arbeit getan ist liebe ich es mich dahin zu verkriechen und mich mit meinem Tee und nem Stück Schoklädchen einzukuscheln. Ich habe mal wieder richtig Zeit und Lust ungestört Sport im Zimmer zu machen, freue mich, dass ich mit dem Bike zu meinem neuen Lieblingscafé fahren kann und, dass ich zum ersten Mal seitdem ich unterwegs bin mal wieder joggen war. Der Sport ist ein super Ausgleich und tut mir mehr als gut.

Doch das klingt doch alles zu perfekt oder? Fast langweilig und man wartet nur darauf, dass ein „aber“ kommt. Naja ich kann dir sagen es gibt ein aber..
Es ist nun mal so, dass es eine etwas gehobenere Familie ist, die extra nach jemandem mit professionellem Hintergrund und Erfahrungen mit Kindern gesucht hat. So waren und sind die Erwartungen an mich sehr hoch. Und es ist verblüffend, wie schnell ich das Gefühl bekommen habe, nichts wert zu sein, wie schnell ich mich dumm und ungebildet gefühlt habe. Ich muss dazu sagen in meinem Studium habe ich über Babys erstes Lebensjahr im Detail nichts gelernt und in der Kita hab ich mit der Altersklasse auch nicht gearbeitet und so ist es ganz verständlich, dass mir hier Wissen und Erfahrung fehlen. Doch hier sind die Schul- und Bildungssysteme anders und es fällt den Eltern nicht so leicht zu verstehen, dass ich zwar studiert habe, aber das in Bezug auf die Praxis auch häufig „learning by doing“ bedeutet. Also dauerte es gar nicht lange, bis ich mich durch meine Unsicherheit gefragt habe, was für eine Professionelle ich denn bin, wenn ich keinen blassen Schimmer habe und finde es einfach nur verblüffend, wie schnell ich an mir zweifle. Wie schnell ich mich selbst in Frage stelle und anders über mich denke. Es liegt nun an mir, dass negative nicht überwiegen zu lassen und dieses Unwohlsein zu akzeptieren ohne daran kaputt zu gehen. Es liegt an mir, den Kopf oben zu halten und an all diesen Konfrontationen zu wachsen und daraus zu lernen.

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Johhan Wolfgang von Goethe

Es ist eben nicht als rosig, was glänzt und im Grunde ist es nur Meckern auf hohem Niveau, denn sie behandeln mich dennoch sehr gut, sind freundlich und machen viel für mich. Zum Campingurlaub nehmen sie mich mit und wenn sie eine Woche später in Urlaub fliegen habe ich „sturmfreie Bude“ und kann die Nordinsel bereisen, von der ich bisher ja noch nichts gesehen habe (so viel zum Abschalten vom Reisealltag).
Doch all das und diese gesamte Situation  bringen mich dazu viel Nachzudenken. Ich denke viel über mich nach, denn hier hab ich auch mal Zeit dazu. Wenn man so viel am Reisen ist, denkt man über vieles nach, aber wenn man alleine am anderen Ende der Welt sitzt und dort für längere Zeit ist, mit unangenehmen Situationen konfrontiert wird, denkt man nochmal auf eine ganz andere Art und Weise über sich selber nach. Ich denke viel an zu Hause, an meine Wohnung, meinen Hund und die tollen Menschen, die dort im Moment die ersten Sonnenstrahlen ohne mich genießen. Mir fehlt mein zu Hause im Moment, doch ich weiß auch, dass es sich lohnt dieses hohen Preis im Moment zu zahlen.

„Overthinking. The art of creating problems, that don’t exist.“

Doch ich kann mich da ganz gut zügeln. Ich denke nach, aber ich Zerdenke nicht. Ich genieße dennoch die Zeit für mich und freue mich ganz, ganz langsam Auckland und Umgebung zu erkunden. Ich sehe wunderschöne Orte und freue mich im Moment bis auf die Familie mal alleine zu sein. Emil und Helena haben die Nordinsel bereist nachdem sich unsere Wege in Wellington getrennt hatten und sind aber auch schon in Auckland angekommen. Also genieße ich es mit Leuten im Garten abzuhängen, die ich schon kenne und die mich mögen, genauso wie ich bin.

„Als ich begann mich selbst zu lieben, habe ichverstanden, dass ich in jeder Lebenlage, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und alles geschieht im absolut richtigen Moment. Also ich konnte ich ruhig sein. Heute nenne ich es Selbstvertrauen.“ – Charlie Chaplin

Ich mags hier, auch wenn ich mich nicht zu 100% wohl fühle. Aber es hätte mich schlechter treffen können und es ist auch nicht allzu lange, bis ich Anfang Juni wieder im Flieger sitze und mich der Reisealltag dann wieder hat. Doch bis dahin, fahr ich jetzt mal Sparflamme, resete und tanke auf.

Ich bin ein ruhiger und geduldiger Mensch und es ist toll, dass ich auch in stressigen Zeiten keine dieser Eigenschaften verliere und zusätzlich immer ein Lächeln auf den Lippen habe. – Christina

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